Ungarn und Zahnersatz – Risiko, Herausforderung und Chance. Ein Reisebericht.

Veröffentlicht am 22. Februar 2010 von Andrea Beneke | Kategorie: Gastbeiträge

1. Wie alles begann
Im Dezember 2009 begannen meine Vorderzähne so bedenklich zu wackeln, dass ich einen Fachmann konsultieren musste, um zu erfahren, wie lange die Dinger noch drin bleiben und wann ich mit deren Verabschiedung zu rechnen habe. Lapidare Auskunft war damals — och, das hält noch ein halbes Jahr–.
Gut dachte ich, bleibt genügend Zeit, sich mit der Problematik auseinanderzusetzen und nach den Möglichkeiten für ne Reparatur oder was auch immer, Ausschau zu halten. Bereits zum damaligen Zeitpunkt war bekannt, dass es im Ausland preiswerteren (nicht billigeren) Ersatz gibt, auch Ungarn war unter den anbietenden Ländern. Also mal los gegoogelt und mit der richtigen Fragestellung wurde ich im Internet auch schnell fündig. Zu fündig: Ergebnisse 1 – 10 von ungefähr 267000 Seiten auf Deutsch.
Da meine Vorderzähne ja noch ein halbes Jahr halten sollten, habe ich mich auf Grund der Fülle der Suchergebnisse erst mal zurückgelehnt und mir gedacht, da muss ich mich mal im Bekanntenkreis umhören, ob es da Erfahrungen gibt. Bis Ende Januar 2010 habe ich mich dann eigentlich nur noch sehr halbherzig um die Angelegenheit gekümmert, hatte ja Zeit.

2. Die erzwungene Sofortentscheidung
Am 29. Januar 2010 passierte dann das, was eigentlich noch gar nicht fällig war:
Die Vorderzähne hatten sich selbständig gemacht und sich aus meiner Schnauze verabschiedet, ich hatte sie sozusagen in der Hand. Nun denn, wie jemand ohne Vorderzähne aussieht und wie ich damit sprechen, bzw. nicht sprechen konnte, kann sich wohl jeder ausmalen: eine einzigartige Katastrophe. Von meinem Gebiss hat sich im Laufe meines Lebens eigentlich immer mehr verabschiedet. Unfälle, Krankheiten, Stress und psychischer Druck dezimierten die Anzahl meiner Zähne drastisch, so dass nach dem Herausfallen der Vorderzähne mal noch ganze 10 Zähne übrig geblieben sind.

Wie sagt man so schön: zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Es musste also etwas passieren.

3. Die Bedenken
Sehr schnell wurde mir klar, dass bei einer Generalsanierung meiner Zähne die finanziellen Vorteile im Ausland liegen. Zahnbehandlungen und Angebote von Freunden, die sich in Deutschland haben behandeln lassen, ließen da keine andere Entscheidung zu.
Dann war da der Zeitfaktor, die Behandlung in Ungarn sollte eine Woche dauern und dann sollte ich damit durch sein. Was für eine Vorstellung. Freunde sprachen von Jahren, die in Deutschland eine solche Behandlung an Zeitaufwand in Anspruch nehmen würde. Aus meiner Vergangenheit wusste ich ebenfalls, dass so etwas dauert. Für drei Kronen und zwei Brücken hatte es bei mir vor 15 Jahren auch schon mal ein halbes Jahr gebraucht. Wie sollte das in einer Woche gehen, die Bedenken wurden nicht kleiner.
Bei der Fülle der Suchergebnisse im Internet mussten also Kriterien her, nach denen ich eine Entscheidung fällen konnte. Ziel war es, das Risiko eines möglichen Reinfalles so gering wie möglich zu halten. Mir war von vornherein klar, dass ich mich dort ins Unbekannte begebe, vielleicht nicht unbedingt die Reise ins Nirgendwo aber doch in meinem Kopf mit Risiken und Nebenwirkungen behaftet. Wie viel hört und liest nicht jeder von uns über Abzocke, „übern Tisch ziehen“, Ausrauben oder sogar von Organklau im Ausland (ja, auch an so was hab ich mal zwischenzeitlich gedacht). Je nachdem wie groß oder weniger groß die Entscheidungsfreudigkeit und die Risikobereitschaft jedes Betroffenen ist, baut sich im umgekehrten Maß die Phantasie zu schlechten Möglichkeiten auf.
Unbedingter Nachteil in Sachen Entscheidung war gewesen, dass ich niemanden persönlich kannte, der dort schon gewesen war und sich einer Behandlung unterzogen hatte. Die Adressen aus dem Netz sind nützlich und können auch hilfreiche Anhaltspunkte liefern, die Bedenken zerstreuen kann es aber nur ansatzweise. So bleibt also die Unruhe und da bei mir mal gerade zwischen Entscheidung und Abflug 10 Tage lagen, blieb wenig Zeit zur Klärung. (Anm. A.Beneke: das Telefongespräch mit Andrea Beneke hat sicherlich den Ausschlag gegeben.)
Wichtig war unter anderem dann das persönliche Gespräch mit einem der beteiligten Ärzte. Das war schwierig genug, da der Zeitbegriff in Ungarn ein etwas anderer ist als bei uns, dort wird auch, wenn es sein muss, Samstag und Sonntag gearbeitet, aber dazu später mehr.
Ich hatte das unverschämte Glück, dass ein alter Bekannter ein Reisebüro hat und mir dort einen Flug reservieren, nicht buchen, konnte bis zumindest ein Teil der Bedenken soweit begrenzt worden waren, dass ich mir den Ruck geben konnte und beschloss mich auf den Weg zu machen. Dies war dann nach 5 Tagen der Fall, nachdem ich mit dem Arzt in Ungarn telefoniert hatte. Was folgte war dann:

4. Anreise
Eigentlich ist das Thema „Bedenken“ noch nicht richtig abgeschlossen gewesen, da sah ich mich schon im Buszubringer zum Flughafen sitzen. Der übliche Wahnsinn von Check-In und Gepäckkontrolle zerstreuen dann die Gedanken ein wenig, aber ca. 2 Stunden Flug nach Budapest lassen dann die Bedenken nur so hochschießen, klappt das mit dem Abholen, was ist mit dem Hotel, fährt mich der mögliche Fahrer auch in die richtige Richtung ?
Ich hatte ja nichts schriftliches, alles wurde nur mündlich vereinbart, Abholung, Hotel, Zahnbehandlung. Was also musste, konnte, durfte und fürchtete ich zu erwarten. Budapest Flughafen kam ich dann am Sonntag so gegen 17:00 Uhr an, raus aus einem Flughafen ist dann im Vergleich zum Reinkommen ein Kinderspiel, da will eigentlich niemand mehr etwas wegen Security und so.
Schwupps stand ich also nach der berühmten Glastür einer überschaubaren Schar von Leuten gegenüber, die offensichtlich Freunde, Bekannte, Geschäftsreisende oder vielleicht auch mich erwarteten. Ein freundlich dreinschauender etwas älterer Herr hielt ein Schild der Zahnpraxis in den Händen, ich ging auf ihn zu und wurde namentlich auf Deutsch von ihm begrüßt, „sie sind Herr …….?“
Puuh, erste Hürde geschafft
Die Fahrt über 150 km vom Budapester Flughafen an den Plattensee dauert ca. 2 Stunden. Während der Fahrt, ich war nicht sonderlich gesprächig sondern eher aufgeregt, erklärte mir der Fahrer, sie wollen noch heute etwas an meinen Zähnen machen. Konnte ich kaum glauben, konnte mir auch nicht vorstellen was, dachte na ja, die schauen vielleicht mal rein und machen ne Röntgenaufnahme oder so, immerhin war es ja Sonntagabend.
Leider war es schon dunkel draußen, ich hätte gern mehr gesehen von der wunderbaren Landschaft, den Häusern, den Menschen. Ca. 19:00 Uhr Ankunft im Hotel, auch hier namentliche Begrüßung (auch auf Deutsch) und alle Leute sehr freundlich und zuvorkommend, das Zimmer für mich war offensichtlich reserviert.
Ich durfte dann noch im Hotel das Abendessen genießen und wurde eine dreiviertel Stunde später wieder von dem netten Fahrer abgeholt und es begann:

5. Behandlung und Folgen
Um ca. 20:00 Uhr am Sonntag war ich dann im Institut, konfrontiert mit anderen Patienten, die beide schon etwas länger (5 Tage) dort waren und deren Zähne schon optisch die 1A Qualität hatten. Röntgenaufnahme machen lassen, das Ergebnis lag 5 – 10 Minuten später vor (in Deutschland heißt das dann, „kommen Sie doch bitte in 14 Tagen wieder, dann sollte das Ergebnis vorliegen“).
Was folgte, war eine ausführliche Besprechung mit den beiden Ärzten (besser als Beratung a la „Deutsch“ war das auf jeden Fall, mal abgesehen davon dass bei uns da oft viel BlaBla und sonst nichts bei rumkommt). Ich weiß mit meinen 55 Jahren sehr wohl, was mein Gebiss bis jetzt alles so aushalten hat müssen, weiß aber auch um die Schwächen der Knochen. Auch Materialfragen wurden geklärt, letztlich auch wichtig wegen des notwendigen Kleingeldes jedes Einzelnen. Zu betonen hier, dass die beiden Herren sehr wohl auf die Wünsche und Bedürfnisse des zu behandelnden Menschen eingehen.
Nun wurde also beschlossen, den Unterkiefer von meinen Gammelzähnen und –Brücken zu befreien und dafür 5 Implantate zu setzen und darauf neu zu gestaltende Zähne zu zementieren. Im Oberkiefer waren ja sowieso nur noch 2 Zähne vorhanden, die sollten überkront werden und als „Eckpfeiler“ dienen. Ansonsten sollten noch 2 Implantate gesetzt werden, an denen dann ein sogenanntes 1-Klick-Gebiss befestigt werden soll.
Schön, dachte ich mir, dann wird’s wohl morgen losgehen.
„Kommen Sie gerade mal mit nach Nebenan“ und „ …..wenn dann machen wir das gleich alles auf einmal, wenn Sie schon mal betäubt sind, ist das eine Sache“.
Sonntagabend saß ich also auf dem berühmten Stuhl. Um 00:30 Uhr (!!!!) war ich mit allem durch. 6 Zähne raus, Brücken auch weg, 7 Implantate drin, abgeschliffene Zähne, ne superdicke Unterlippe, überhaupt kein Gefühl mehr in der Schnauze. Ein Blick in den Spiegel verriet mir, dass ich mich in diesem Zustand locker als Stahlbeißerassistent im nächsten Dr. Jekyll und Mr. Hyde bewerben konnte. Dieses Äußere wurde dann allerdings noch getoppt, nachdem der Metallbügel am Oberkiefer montiert war.
Der dezente Hinweis, ich möge doch bitte jetzt viel trinken, entlockte mir nur ein müdes Grinsen nachdem ich die Hälfte des mir gereichten Bechers gleich aufs Hemd verteilt hatte. Schlicht kein Gefühl, konnte nicht mal abschätzen, wieweit ich nun mit dem Becher von den Lippen weg oder dran war. Raucherpause war auch angesagt (soll ja auch ge……….na ja, spar ich mir hier, weiß eh jeder der dampft!).
Im Hotel angekommen erst mal den Nachtwächter raus klingeln müssen und dann nicht einschlafen können. So langsam kam das Gefühl zurück, damit machten sich dann aber auch Schmerzen bemerkbar. Eine Tablette war nicht genug, erst die zweite verschaffte mir ab 02:00 Uhr dann endlich Schlaf. Der Morgen bescherte mir dann ein merkwürdiges Gefühl im Kinnbereich, nicht Schmerzen, nein, ich hatte Muskelkater im Unterkiefer !
Montag hatte ich „FREI“, der Tag war aber trotzdem für die Tonne, viel spazieren aber ansonsten eigentlich nix richtiges auf die Reihe bringen können, ich fühlte mich etwas malade. Am Dienstag bekam ich dann für den Unterkiefer ein Provisorium. Das sah ja schon ganz gut aus:

Das schlechte Selbstporträt im Hotelzimmer mal eben schnell ins Internet geschoben und auf Reaktionen gewartet, alle fanden das Provisorium schon sehr chic.
Am Mittwoch bekam ich ein zusätzliches Implantat in den Oberkiefer (auf Kosten des Hauses). Es war das Ergebnis von Diskussionen zwischen den Ärzten und dem Labor und drehte sich um die Stabilität der gesamten Konstruktion. Auch die Endfassung von den Zähnen für den Unterkiefer wurde mir an dem Tage verpasst. Die Begeisterung der fernen Mitlesenden kannte keine Grenzen mehr.

Am Samstagabend erhielt ich dann auch das Gebiss für den Oberkiefer. Vorher wurde noch der Metallbügel eingebaut. Unmittelbare Folge der neuen Zähne waren im ersten Moment Sprachprobleme, ich konnte ja mit einem Mal wieder ein scharfes S zischen. Also quasseln was das Zeugs hält, um die Sprache wieder in alltägliche Bahnen zu bekommen. Nach 2-3 Tagen hatte sich das dann wieder alles normalisiert, jetzt nach einer knappen Woche habe ich in der Richtung überhaupt keine Probleme mehr.
Sowieso veränderte sich ne ganze Menge mit den neuen Zähnen, sie passen viel besser aufeinander als die vorherigen, die Vorderzähne sitzen nun etwas tiefer (soll gemäß Aussagen vom Doc etwas jünger machen *freu*) und Nahrungsaufnahme und das Zerkauen sind gewöhnungsbedürftig. Am Sonntagmittag fand mein letzter Termin zur Nachkontrolle statt. Transfer zum Flughafen und Rückflug war der übliche Wahnsinn ohne besondere Vorkommnisse bis auf eine kleine Stunde Verspätung.

6. Was nicht verschwiegen werden sollte
….oder auch, das Wichtigste in Kürze:
– Jeder, der sich entscheidet, sollte sich darüber im Klaren sein, bewusst zu handeln, auf der leichten Schulter wird so etwas unter Umständen echt schwer.
– Jeder, der sich dafür entscheidet und der Meinung ist, er könne einen Erfolg juristisch einklagen, sollte wegen drohender Schlappe besser zu Hause bleiben.
– Es ist ein operativer Eingriff, der eine Nachbehandlung mit Antibiotika notwendig macht (ich war auch nicht begeistert, macht aber Sinn).
– Es wird schmerzhaft sein, wer was anderes glaubt oder hört ist schief gewickelt.
– Es dauert wirklich nur eine Woche (lässt tiefreichende Blicke ins deutsche Gesundheitssystem zu).
– Die neuen Zähne sind gewöhnungsbedürftig.
– Der Erfolg lässt die Schmerzen ganz schnell, ganz ganz weit in die Vergangenheit verrutschen !!!!

Februar 2010, von einem, der noch nie so schöne Zähne hatte…………

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Über die Autorin

Ich schildere Ihnen gerne meine positiven Erfahrungen mit Implantaten und Zahnersatz im Ausland. Rufen Sie mich an: (02242) 93 59 943

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